Wenn ich etwas weiss… – Das Wissen Sokrates‘

20. März 2019
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20. März 2019 Silvan

Wenn ich etwas weiss, dann dass ich nicht weiss.

Lautet ein berühmtes Zitat (nicht wörtlich!) aus Sokrates’ Wissens-Geschichte.

Zuerst einmal möchte ich mit einem scheinbar oft vorkommenden Missverständnis aufräumen. Das Zitat lautet nämlich tatsächlich “…dass ich nicht weiss.” und nicht “…dass ich nichts weiss.”.

Eine banale Haarspalterei? Ich finde absolut nicht.
Sehen wir uns das genauer an.

“…dass ich nichts weiss.”
heisst ganz klar, dass man damit eine Menge an angehäuftem Wissen meint, die nicht vorhanden ist. Ich weiss Nichts. Das scheint mir für Philosophen von solch “hohem Rang” sehr simpel zu sein. Zu simpel.

Klar, man könnte sagen, das sei eine Metapher für eine Aussage wie: “Bleib immer offen und lerne immer weiter. Man hat nie ausgelernt.” oder “Nichts ist von Dauer. Was heute stimmt, kann morgen schon anders sein.”. Auch schön, trotzdem denke ich, dass die zweite Deutung dem näher kommt, was sie wirklich meinten. Und was wohl gemerkt auch wirklich in der Urschrift drin stand und wahrscheinlich mal Opfer von Übersetzungsfehlern war.

“…dass ich nicht weiss.”
spricht hingegen eine ganz andere Sprache und zwar eine deutlich philosophischere. Nur schon dadurch sollte klar werden, welche von beiden ein Philosophe wohl gemeint haben könnte. Denn diese Aussage deutet auf etwas höheres als den Verstand. Jedoch bleibt diese Annahme unausgesprochen in der Apologie von Platon. Vielleicht hätte Einstein weiterhelfen können, denn es deutet auf die Annahme hin, dass alles relativ (oder hier; subjektiv) ist.

Mein Wissen ist nicht gleich sein Wissen. Denn echtes Wissen beruht auf eigener Erfahrung und nur schon die ist immer relativ. Keiner macht von der gleichen Sache die genau gleiche Erfahrung. Womöglich “wusste” oder spürte Sokrates sogar, dass unser wahrer Kern “nicht-wissend” ist, zumindest im Sinne von Verstandes-Wissen, kognitivem Wissen.

Die Seele funktioniert auf einer ganz anderen Ebene, die sich ausserhalb der Ratio und den 5 Sinnen abspielt.

Somit hat er sogleich mit allen “abgerechnet”, die meinten alles oder nur schon etwas allgemeingültig zu wissen. Sie hatten somit seine “Weisheits-Prüfung” nicht bestanden. Sokrates wurde sich also klar darüber, dass man höchstens für sich selbst wissen kann, und dass Wissen, welches über eine eigene “pragmatisch-empirische” Basis hinausgeht, ein Glaube ist. Und somit nichts mit dem hochgelobten kognitiven Wissen zu tun hat.

Ein Glaube hat trotzdem Potenzial zu viel mehr, als man hier vielleicht denken könnte. Ich bin überzeugt, dass ein Glaube eine gute Vorlage sein kann für eigene Erfahrung. Er kann ein Wegweiser sein auf etwas noch Unbekanntes.

Die Frage ist dann: Will man diesen Weg einschlagen, um herauszufinden, ob man auf diesem Weg an persönliche Erfahrung gelangen kann und somit der Glaube zu einer (persönlichen) Gewissheit wird? Oder will man doch lieber den Glauben Glaube sein lassen und sich auf seinen Verstand und die 5 Sinne verlassen? Man hat die Wahl. Die einen werden Mystiker, die anderen “eindimensionale Wissenschaftler”.

Um die Debatte noch in die Neuzeit zu holen:

Die Frage stellt sich nun: Wie wichtig ist denn somit “Allgemeinwissen”? Wie sinnvoll ist es, dass wir an den Schulen Wissen lehren, welches hier von Sokrates in Frage gestellt wird? Denn dieses Wissen fusst nicht auf persönlicher Erfahrung der Schüler selbst.

Wäre es nicht vielleicht besser, wenn man die Schüler alle die Erfahrungen selbst machen lässt, die dann zu eigenem Wissen führen und somit tiefer und unmittelbarer verankert ist?

Ist es nicht paradox, dass man den Schülern viel Wissen lehrt, ohne dass den Schülern bewusst ist, wofür sie das brauchen?

Ist doch naheliegend, dass sich ein Schüler fragt, wofür ihm/ihr dieses Wissen von Nutzen sein soll, wenn ihm/ihr die direkte Erfahrung dazu fehlt. Was man also folgerichtig mindestens tun müsste, wäre sich ähnlich viel Zeit zu nehmen, um zu erklären, wofür dann dieses Wissen benutzt werden kann später oder Jetzt!

Oder wahrscheinlich noch viel effektiver: Ihnen zuerst zu zeigen in einer direkten Erfahrung, was man mit Wissen anstellen kann. Oder sogar noch besser, wie schon erwähnt, das Wissen sich selbst entwickeln lassen, indem man sie vor die vorausgehende Herausforderung stellt, damit sie selbst in Eigenarbeit eigenes Wissen durch die Erfahrung extrahieren können.

Auf Deutsch:
Um ein Fahrrad bauen zu können, muss man ganz viel über Geometrie und Mathematik wissen, einverstanden? Voilà.
Um sich in einem fremden Land verständigen zu können, muss man die Sprache beherrschen, oder? Voilà
Und so weiter…

Was ich aber am allermeisten vermisse, ist, dass man den Kindern nicht vor all diesem Wissen zuerst menschliche Werte lehrt. Am besten ebenfalls in direkter Erfahrung.

Solidarität erleben auf einem Camping-Ausflug, wo die Kinder selbst aufbauen, kochen usw. müssen. Über Ehrlichkeit reden und was die Folgen von Lügen sind. “Wie fühlst du dich, wenn du belogen wirst?

Was denkst du, fällt es mir einfach dir zu vertrauen, wenn ich herausfinden muss, dass du mich angelogen hast? Kann ich dich dann eher alleine nach draussen lassen, weil ich nicht sicher bin, ob du mir alles Wichtige nachher erzählst, oder nicht?”

Aber in einer Gesellschaft, wo sich die wenigsten nur schon ihrer eigenen Werte völlig bewusst sind, ist es naheliegend, dass die Werte einer ganzen Gesellschaft noch schwammiger sind. Es wird zwar von allen stillschweigend verlangt sich an alles mögliche zu halten, aber die Werte zu definieren und sich und der Gesellschaft immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, fällt kaum jemandem ein.

Ich bin überzeugt, wenn man Werte wie Ehrlichkeit und Verantwortung von Anfang an in den Schulen lehren würde, wie man Mathematik und Sprachen lehrt, dann würden viele Gesetze und Regeln überflüssig werden. Weil der Mensch dann auch versteht, warum diese wichtig sind und was die Folgen davon sind, wenn man sich bemüht diese umzusetzen oder eben nicht.

Den Wahrscheinlich besten Talk zu einer Schulreform
Wissens-Wertes

Und ich bin überzeugt, dass wir das besser hinkriegen, als dazumal mit “Auge um Auge, Zahn um Zahn”. Wir wissen langsam was konstruktiv lehren und positiv formulieren heisst, was ressourcenorientierte Lösungen bedeuten.

Denn wenn man die religiös-dogmatische Note mal von den 10 Geboten wegdenkt, wären diese Werte doch eigentlich ganz passabel gewesen und es hatte wohl durchaus Sinn gemacht diese (als erstes) zu lehren.

Und ich möchte mich keineswegs hiermit dafür aussprechen, dass man die 10 Gebote zum Mass aller Dinge macht. Es war nur ein interessanter Querverweis.

Und wenn man den Kindern dann solche fundamentalen Werte erst einmal mitgegeben hat, hat man immer noch mehr als genug Zeit für “Wissen”. Die Kinder lernen ja bekanntlich schnell. Obwohl man wohl die Vergessens-Kurve nicht vergessen sollte. Denn natürlich macht es Sinn solche Werte ein Leben lang zu wiederholen und sich daran zu erinnern.

Natürlich wäre ich ebenso dafür, dass die Schule mit Philosophen- und Mystiker-Wissen ergänzt würde bzw. mit Weisheits-Lehren. Aber das sei nur kurz angeschnitten und werde ich vielleicht mal noch separat thematisieren. Vorallem in Hinblick auf “den richtigen Zeitpunkt” dafür.

Ich möchte mit einem Gedanken-Experiment abschliessen.

Stellt euch folgende 2 Szenarien vor:

Im ersten Szenario lernt eine Gesellschaft von Anfang an und ausschliesslich nur Wissen, ohne jeglichen menschlichen Werte.

Im zweiten Szenario lernt eine Gesellschaft von Anfang an und ausschliesslich nur menschliche Werte, ohne jegliches Wissen.

Welche dieser beiden Gesellschaften wird wohl das “bessere Leben” haben in Bezug auf eine funktionierende, menschenachtende und friedliche Gesellschaft?

Mit dieser Frage im Raum entlasse ich euch. Denn ihr könnt sie euch mit Sicherheit selbst beantworten. Egal zu welchem Ergebnis ihr kommt. Und dann wär es wohl auch spannend die eigene Antwort zu reflektieren.

Nach bestem Wissen und Gewissen

Silvan

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