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Emotion vs. Gefühl


Meinen wohl zweitletzten Zivildienst habe ich in einer Behinderten-Werkstatt im Kanton Zürich absolviert und mir hat sich mal wieder eine völlig neue Welt aufgetan.

Wie wohl immer hat man ein eher unvollständiges Bild von sogenannt “geistig Behinderten” Menschen. Sie können äusserst einfühlsam und lieb sein, sich teilweise sehr gut selbst organisieren für das Wichtigste und sie geizen nicht mit ihren Emotionen.

Das dürften aber vielleicht viele schon erlebt haben, dass diese Menschen gerne mal aus dem Nichts ihrem Temperament freien Lauf lassen.

Was aber interessant war, ist, dass ich sie trotzdem nie gewalttätig oder in einer Rage erlebt habe. Die Emotionen kamen regelmässig und ungefiltert, aber so abrupt wie sie kamen, waren sie auch oft wieder verflogen.

Man könnte sogar fast behaupten, dass sie unbewusst eine bessere Umgangs-Strategie haben mit ihren Emotionen umzugehen als wir “normalen” Menschen. Denn was wir absolut nicht lernen, ist, wie wir am besten mit unseren Emotionen umgehen.

Gleich nach “Gutschi-Guu!” ist wohl das erste, was wir von unseren Eltern hören: “Nein!”.
“Nicht das anfassen...”, “Nein, nicht da rauf!”, “Komm da runter!”. Auch wenn man es natürlich oft gut meint mit dem Kind, kann solches Verhalten schon sehr schnell das Kind seiner eigenen Erfahrungen berauben. Es wird erst wirklich wissen, dass die Herdplatte heiss ist, wenn es das selbst gespürt hat.

Auch wenn wir wohl langsam viel besser werden mit Emotionen umzugehen, gibt es doch noch viele unterbewusste Programmierungen, die uns dazu verleiten, die Emotionen runterzuspielen oder um die vermeintliche Scham nicht ertragen zu müssen, sie zu verbergen.

Man kann das sehr gut erkennen mit Eltern im Bus, wenn das Kind anfängt zu weinen. Sofort wird irgendetwas unternommen damit es aufhört! Und hier ist der magische Augenblick. Was tun sie?

Eigentlich gibt es ab hier nur 2 Varianten damit umzugehen:
1. Man versucht, es zu unterbinden.
2. Man akzeptiert es.

Wie sähe das denn aus?
Im ersten Fall wird sofort der Schnuller reingesteckt oder man versucht es mit der “Schh..!”-Taktik. Irgendetwas will gefunden werden, dass es aufhört. Im zweiten Fall wird das Kind aufgenommen, gehalten und man versucht mit Gefühl herauszufinden, zu verstehen, was der Auslöser hätte sein können und gibt einfach ein wenig Aufmerksamkeit und Liebe bis es sich von selbst beruhigt.
 
Viele werden den Unterschied schon erkannt haben.

Die erste Strategie versucht mit demselben Mittel wie das Kind das Problem zu lösen.
Mit Emotion. Genervtheit, Verzweiflung, Wut, Angst usw.

Die zweite Strategie wendet ein anderes Mittel an. Sie benutzt das Gefühl.

Nochmals: das erste hat mit Abwehr zu tun, das zweite mit Akzeptanz. Das erste mit etwas “Feindlichem”, etwas das nicht sein darf; das zweite mit etwas, das man selbst kennt und somit als Eigenes annehmen und abhaken kann; das erste hat mit kognitiver Lösung zu tun, das zweite mit einer Herzlösung.

Ok, schön langsam. Natürlich hat man nicht immer die Nerven für reines Verständnis, wir sind alles Menschen. Aber dies hier soll ein Verständnis für die Abläufe und mögliche andere Ansichtsweisen und Lösungen geben.

Was ist denn nun der Unterschied zwischen Emotion und Gefühl?

Nun, für mein Verständnis ist die Emotion eine Reaktion. Meistens eine unbewusste Reaktion auf ein Problem, mit welchem wir oftmals im Aussen konfrontiert werden. Die Emotion ist somit eher an die Instinkte und an die “Überlebenssysteme” angekoppelt. Sie kann aber auch von reiner Programmierung ausgelöst werden, wenn wir nie eine andere Strategie gelernt bzw. angewandt haben.
Wir kennen Emotionen wie: Angst, Wut, Trauer, Hass, Helferinstinkt usw.

Das Gefühl hingegen ist für mich viel eher eine Herzensangelegenheit, wenn man so will. Es kommt von einer Intuition oder einer Inspiration. Es ist somit eher eine Angelegenheit des Bewussten. Wir empfinden diese vielleicht einfacher, wenn wir sie auf uns beziehen bzw. aus uns nehmen. Denn den “inneren Frieden” zu spüren ist ein Gefühl und keine Emotion. Das Gefühl kann sich somit langfristig einstellen, während eine langfristige Emotion oftmals eher unmöglich oder sogar schädlich sein kann.
Die Gefühle wären für mich: Gleichmut, Friede, auch Depression, Leere usw.

Ein einfaches Mittel zur Erkennung ist wohl, wenn man entweder sagt:
Ich bin traurig (/habe Angst).” (Emotion)
oder “Ich fühle mich wohl.” (Gefühl)

Interessant:
Ich fühle mich...
Bezeichnet sehr offensichtlich einen bewussten Vorgang. Man fühlt sich selbst, oder sieht sich zu, wie man fühlt.
 
Während bei...
Ich bin...
Eine direkte Identifikation mit der Emotion vorliegt und dadurch wohl oft blockieren kann. Denn du bist ja nicht die Trauer. Du bist eine Seele, die Trauer gerade erlebt.

Aus der oben erwähnten Akzeptanz erwächst eine tiefe Liebe und Zuneigung. Während man bei einer “Liebe”, in welcher man eigentlich nur Anerkennung sucht, bloss seine “Sucht nach Glückshormonen” befriedigt. Das eine hat mit Geben, das andere mit Nehmen zu tun.

Nun, um den Bogen zurück zu spannen. Wir haben Emotionen, das ist nun mal so. Manchmal tauchen sie auf und manchmal überwältigen sie uns auch. Das eigentliche Problem ist nun aber nicht die Emotion, sondern dass wir gelehrt bekommen haben, dass diese schlecht oder zumindest hinderlich seien.
Das Kind sollte nicht weinen.

Wir können aber nicht etwas verdrängen, was fundamental zu unserem Mensch-sein dazu gehört. Wenn wir es doch tun, macht es uns über kurz oder lang krank.

Die “normalen” Menschen sind die, die in einem Ausbruch von zu lange zurückgehaltener Emotion einen Amok-Lauf durchziehen. Nicht die “geistig Behinderten”. Welche, wohl gemerkt, gar kein Problem haben mit ihren Emotionen.

Wir sind Wesenheiten mit einem Mix aus vielem. Und dazu gehören Emotionen UND Gefühle. Nur können wir uns selbst entscheiden, wie wir mit diesen umgehen wollen. Wir können die Emotionen gleich rauslassen oder “für später aufheben”.

Wichtig wäre aber, dass wir sie irgendwann wirklich rauslassen!

Denn auch nur dann lernen wir aus Erfahrung, wie sich das anfühlt und wofür sie nützlich sein können und wofür sie eher einen im Nachhinein ungewollten Effekt erzielt haben.
Aber das Erleben ist doch absolut fundamental!

Somit plädiere ich auf ein ganzheitliches Erfahren eines jeden menschlichen Aspekts, um dann selbstgebildete Lösungsstrategien bereit zu haben für alle möglichen Situationen.

Das schreiende Baby ist nicht das Problem. Das Problem ist die eigene Erfahrung bzw. was man darüber weiss und was man damit macht.

Uns wurde sehr gut beigebracht, wie wir unsere Emotionen unterdrücken können. Was eigentlich auch fast das einzige ist, was wir besser können als die “geistig Behinderten”.

Spass bei Seite, ihr wisst worauf ich hinaus will.

Lasst uns emotional sein! Ein Gefühl für den Umgang damit bekommen.


Gefühlvolle Grüsse

Silvan
 

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